Gegenlicht presents: The Congress

the-congress-film– for the english version please see below –

Ich neige dazu, nur über Filme zu schreiben, die ich als Kinobesucherin sehe, wozu ich nicht von mir selbst organisierte Veranstaltungen zähle. Gestern haben wir im Unikino dann aber einen – mir bisher unbekannten – Film gezeigt, der nicht nur vortrefflich zu meinem Masterarbeitsthema passt, sondern mein Hirn schlicht überflutet und gefordert hat. The Congress setzt sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung auseinander. Vordergründig bezogen auf die Filmwirtschaft, aber weil es sich letztlich viel zu wenig trennen lässt, am Ende direkt mit Bezug auf die digitale Gesellschaft an sich. Ich denke, man muss sich optimaler Weise vorher mit dem Thema auseinandergesetzt haben, um nicht mit einem Migräneanfall zu enden, denn Ari Folman geht in seiner Zukunftsbeschau undenkbar weit. Mit einer Konsequenz, die im Laufe des Films immer befremdlicher wird. Die Grundlage aller Theorien ist verständlich: Das Digitale macht alles denkbar und möglich. Weil es immateriell ist und aus Computercode besteht. Wenn man bei Computercode überhaupt so ein materielles Wort wie ‚bestehen‘ wählen sollte. Das ist auch einer meiner Lieblingsgedanken, auf den ich gerne beim Abwägen meines thematischen Rahmens oder beim Überlegen, was ich für einen qualitativen Inhalt alles permanent am gedanklichen Horizont haben sollte, zurück komme: Computercode existiert nicht, weil er potentiell unendlich ist. Wenn etwas alles ist, ist es gleichzeitig nichts. Jedenfalls hat sich meine Sicht der Dinge bisher vorwiegend darauf konzentriert, was alles für Filmschaffende möglich wird. Eine Argumentation, die diese auch als Legitimation für die Digitalisierung der Filmwirtschaft hervorbringen. Irgendwann im Laufe von The Congress sprach einer der Charaktere dann darüber, wie die Digitalisierung das subjektive Filmsehen revolutionieren wird. Und zwar nicht nur dadurch, dass wir nicht mehr linear und massenmedial den Fernseher einschalten und konsumieren, was uns vorgesetzt wird. Sondern dadurch, dass wir – auch wenn wir gleichzeitig im Kino den selben Film zur selben Zeit ansehen – explizit subjektiv rezipieren. Nicht nur, weil der für alle gleiche Inhalt bei jedem Individuum andere Erinnerung weckt, sondern weil wir direkt durch unser Bewusstsein den Inhalt separat steuern, der unser Hirn anzapft. Da sitzen wir dann und einer wünscht sich die eine Person in der Hauptrolle und ein anderer eine andere Person. Und so soll es dann auch sein. Allein das war ein Gedankengang, der mir bei meinem Sinnieren zu dem Thema noch nicht vollends gekommen ist. Und diese Idee wird dann im Laufe des Films durchexerziert bis zum …Hä?! Und da wird es dann existentiell. Aus der Digitalisierung von DarstellerInnen, um einen Charakter zu haben, der immer einsatzbereit ist, so wie man es gerne hätte, wird die vollständige Synthetisierung, um den Charakter immer so rezipieren zu können, wie man möchte. Im Ziel des Films wählt dann jede Person ihre Persona mittels Chemikalien. Alle sind frei in ihrem Sein. Und diese Vision hat mich dann zwiespältig werden lassen. Einerseits gibt es in dieser Welt keine Konflikte mehr, da alle frei in dem sind, was sie tun. Andererseits erkennen sie einander nicht mehr, da niemand weiß, wer wer ist und alle sich ihre eigene Realität schaffen. Mit der Liberalität kommt die Einsamkeit. Mit der völligen Individualität kommt die Unnahbarkeit. Und ich frage mich, welche Aussage damit bezogen auf Gleichstellung getroffen werden soll. Wenn niemand mehr versucht, andere in den engen Rahmen des sich für überlebensgroß haltenden weißen heterosexuellen cis-Mannes zu pressen und dafür zu bestrafen, wenn sie nicht so sind – der Film sprach explizit an, dass alle sich frei entfalten können – ist das dann eine Hyperindividualisierung? Ist das nicht einfach nur Glück? Schade, dass auch ein solcher Gedankengang immer noch dazu verdammt ist, so theoretisch wie The Congress  zu bleiben. Vorerst.

I tend to write about films I consume as a viewer, excluding the screenings I help to organize myself. Yesterday the student cinema I participate in screened a film I had not yet seen, which perfectly fits in with the topic of my master thesis and challenged the capacity of my brain. The Congress deals with the possibilities of the film business‘ digitalization. And since eventually a connection can’t be denied, with the possibilities of the digital society itself. Personally I feel like one should have read into the subject quite a lot to not leave this film with a migraine. Ari Folman takes this futuristic approach to an unthinkable level, making it more and more alienating as screen time passes. The basics should be clear: Digitalization makes everything and anything imaginable and possible. Because it consists of computer code. If the word ‚consisting‘ is really a word one should actually use when it comes to computer code. This is one of my favorite theories to think of whilst trying to decide the frame for my thesis or trying to become aware of everything I have to keep in mind to make this thesis as good as possible: Computer code doesn’t exist, because it is possibly infinite. When something ist everything, it is nothing. Anyway, my view on this matter tended to be focused on all of the possibilities emerging for filmmakers, who also use this as an argument to legitimize the transition to digital filmmaking. At some point during The Congress a character talks about how digitalization opens new possibilities for the audience, revolutionizing the subjectivity of experiencing a film. Not only in terms of not having to passively consume the linear program of TV, but in terms of – even when situated in the same room, watching the same film – explicitily experiencing on a subjective level. Not only because when consuming, we draw from our individual pool of experience and emotion, but because our consciousness is directly connected to the film, our wishes directing the course. Imagine two people watching a film. Both would like to see a different actor as the lead role. They both get what they want. A thought I hadn’t yet come across while working on my thesis. And this thought is well thought through during the course of the film to the point of…wtf?! From then on it gets existentialist. The digitalization of actors into a character that is manipulable and usable without any limits turns into synthesization, to enable the audience to experience the character without any limits. The film concludes this development with making it possible for everyone to chose their persona via chemicals. Everyone is free. And this vision left me torn. On the one hand this envisioned world is void of any conflict, because everyone is free to live a life of their choosing. On the other hand no one knows who anyone is anymore, since everyone makes their own reality. With liberty comes loneliness. With individuality comes aloofness. And I wonder what message this sends about equality. If no one tries to press anyone who doesn’t fit into the tiny but in its own view mighty box of being a cis heterosexual white male anymore – and the film explicitly talks about everyone being able to express themselves freely – is this hyperindividuality? Isn’t it just happiness? What a pity that this train of thought will stay as theoretic as The Congress. For now.

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