Mistress America

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Ich tue mich schwer, meine Gedanken zu Mistress America zu fassen. Deswegen kommt dieser Text auch mit einer Woche Verspätung. Und die Schwierigkeiten haben natürlich ganz viel damit zu tun, dass mein Blick auf den Film durch meine übertriebene Anbetung von Frances Ha beeinträchtigt wird. Aber zu einem ganz geringen Teil liegt die Schwierigkeit auch in diesem Film selbst. Und beides kombiniert führt zu Knoten in meinem Gehirn. Lasst uns deshalb einfach am Anfang…anfangen. Tracy. Aus der Tracy zu Beginn des Films spricht für mich Greta Gerwig. Während des Schauens hatte ich die junge Greta vor Augen, die voller großer Gedanken und Fragen ins College startete. Das ist jetzt natürlich totaler Käse, denn ich kenne Greta Gerwig nicht. Es sei denn, sie ein Berlinale Panel lang aus wenigen Metern Entfernung anzuhimmeln und für einen Sekundenbruchteil Augenkontakt herzustellen zählt als Kennen. Dann herrscht zwischen uns beiden echte Intimität. Ähem. Wie dem auch sei. Wir könnten jetzt darüber theoretisieren inwiefern man nicht in jede Filmfigur ein solch vermeintliches Kennen hineinprojiziert und ob nicht die gesamte Funktionalität des Filmgeschäftes darauf beruht. Wir könnten aber auch einfach versuchen,  in der Filmbetrachtung voranzuschreiten. Hier möchte ich mich eher kurz gefasst dem eventuellen Kern des Geschehens widmen und dann doch auf Frances Ha zurückkommen. Denn ich kann nicht anders, für mich wird dieser Film erst Sinn ergeben, wenn ich ihn mit dem anderen Baumbach/Gerwig-Cowerk in Bezug setze.

Vorweg: Keiner der Charaktere ist mir sympathisch. Und das ist immer so eine Sache bei mir. Wenn mir niemand sympathisch ist, leidet das Interesse an der Geschichte überwiegend dramatisch. Insofern hat der permanente Versuch, es auf Frances Ha zu beziehen. vielleicht meiner Aufmerksamkeit gut getan. Der Film macht mehr als sein Vorgänger deutlich, warum Baumbach als neuer Woody Allen gilt. Poetischintellektuelles Voice Over, irks. In diesem Fall habe ich im Vergleich zu Woody Allen aber weniger allergisch darauf reagiert, weil es sich tatsächlich um die Verbalisierung einer geschriebenen Geschichte handelt und somit nur um das Vorlesen poetischintellektueller Worte. So schreibt man. So spricht man nicht. Abgesehen davon ist der Film eine einzige Betrachtung von Greta Gerwigs Charakter Brooke und dessen Wirkung auf andere. Ihre Lebensweise hat einen Effekt auf Tracy, und deren Verhalten beeinflusst wiederum ihr Umfeld und alles mündet in einem hochgeputschten Kammerspiel in dem man nicht mehr weiß, wer hier grotesker ist und wer die unausstehlichere Persönlichkeit besitzt. Dabei könnte der Film genauso eine Betrachtung Manhattans sein wie der Millenials. Schnelllebigkeit, alles ist möglich und steht uns offen, aber alles verschwindet auch genauso schnell wie es gekommen ist.  Brooke ist dessen Verkörperung. Sie kann alles und probiert auch alles aus, denn überall sind neue Leute mit neuen Chancen. Keine Option darf fallen gelassen werden, alles bietet die Möglichkeit, etwas Großes zu werden. Optimale Lebensmaximierung bei bestmöglichem Networking. Das wird dann letztendlich auch noch in ihrer Geschäftsidee deutlich: Ein Restaurant, in dem auch Haare geschnitten werden. Und Gedichte gelesen. Mindestens. In allem die Finger haben. Soll uns doch niemand vorwerfen, nichts daraus zu machen, dass sich uns die Welt in ihrer Vielfältigkeit zu Füßen legt. Aber alles ist auch irgendwie nichts, denn wenn man alles ein bisschen macht, macht man nichts richtig. Und so kann Brooke zwar irgendwie alles, aber eben auch alles nur ein bisschen und nichts richtig. Sie ist kein junge Frau, der die Möglichkeiten vor die Füße fallen. Sie ist eine junge Frau, die ohne Orientierung vor den Möglichkeiten steht und versucht, etwas daraus zu machen und es gleichzeitig sich selbst und der Welt zu beweisen. Soll ihr doch niemand vorwerfen, sie würde der Welt nicht die Füße küssen. Mit dieser entschiedenen Entscheidungslosigkeit kommt aber auch die Einsamkeit der Sprunghaftigkeit. Nahbarkeit führt immer auch Unverbindlichkeit mit sich und diese assoziiere ich ganz stark mit einer fiesen Persönlichkeit. Und eine solche entdeckt dann auch die zuvor geblendete Tracy in Brooke, während wir nur eine Partynacht lang über die Extravaganz Brookes gelacht haben und längst fassungslos beobachten, wie sie mit ihrer Umgebung umgeht. Tracy bleibt dabei aber immer noch so fasziniert, dass sie eine Geschichte über sie schreibt. Eine Geschichte, aus der das zuvor erwähnte Voice Over stammt. Und wir hören fassungslos zu, wie Tracy wirklich auf Brooke blickt. Und diese Fassungslosigkeit explodiert am Ende, so dass man sich nur fragt: Gibt es gesunden Umgang? Sind alle kaputt und auf sich selbst bezogen und konfliktscheu?

Das war jetzt doch gar nicht so kurz. Bleibt die Verbindung zu Frances Ha. Während des Films war ich mir oft sicher, in Brooke die Anti-These zu Frances zu haben. Brooke lebt rastlos auf der Suche nach dem, was sie wirklich will; Frances weiß was sie wirklich will, kann es aus unterschiedlichen Gründen aber nicht (mehr) haben und jagt ihm rastlos hinterher. Andererseits sind beide eine Verkörperung der Millenials, nur, dass die eine darunter leidet, dass die Gesellschaft ihr Steine in den Weg legt und die andere nicht mal soweit kommt, sich Steine in den Weg legen lassen zu können. Sieh so aus, als wäre der Versuch, sich heutzutage ein, die Gesellschaft zufriedenstellendes, Leben aufzubauen die Wahl zwischen Pest und Cholera. Fest steht nur: Frances Ha ist der Filmhimmel; Mistress America ist in der Atmosphäre steckengeblieben.

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