Brooklyn

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Ich komme gerade aus dem Kino und wurde eines Besseren belehrt. Brooklyns Trailer präsentiert den Film eher als eine Schmonzette, in der eine Frau zwischen zwei Männern steht. Dennoch haben mich die Vollständigkeit meiner Oscarsichtungen vorab und die Originalversion mit irischem Akzent zum Ticketkauf verlockt und ich bin durchaus froh darüber. Denn dieser klischeehafte melodramatische Modus spielt nur die Nebenrolle in einer viel wichtigeren Erzählung. Einer Erzählung über Unabhängigkeit und Charakterentwicklung und Freiheit. Auch wenn es so ausgedrückt nicht weniger stereotyp klingt: Junge Frau aus der irischen Kleinstadt in den 1950er Jahren sucht ein besseres Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Aber ich sehe es dennoch vielmehr als eine zeitlose Geschichte unter den Stichworten Migration und weibliche Stärke. Ersteres handle ich hier nun ganz kurz ab, bevor es detaillierter an Zweiteres geht: Egal wie viele Mauern Europa bauen wird, es werden immer Menschen kommen, um außerhalb ihrer Heimat verlust- und schmerzreich eine neue Existenz zu wagen. Genauso wie es Millionen von Europäern vor ihnen getan haben, als sie in die USA emigrierten. Genauso wie es jeder Mensch tun würde. Punkt.

Aber nun zu Eilis‘ Geschichte, die vor allem in Spiegelungen erzählt wird. Ihre Chance, der Perspektivlosigkeit Richtung USA zu entschwinden im Vergleich zur Schwester, die in der Heimat zurück bleibt. Im Bild: Knallige Farben, wuselnde Menschenmassen und Verbundenheit in der großen Stadt auf der einen, tristes Grau und Einsamkeit in der kleinen Stadt auf der anderen Seite. Und so wie ein Leben beginnt, endet ein anderes. Oder Eilis im Vergleich zu ihrer besten Freundin Nancy, die – weil als so viel hübscher betrachtet – so viel einfacher in der Heimat durch eine Heirat versorgt werden kann. Auf der einen Seite eine heimlich Hochzeit, auf der anderen eine mit dem üblichen dörflichen Tamtam und Tratsch und der vollen Kirche. Oder die Landschaft. Auf der einen Seite graue, nasse Straßen, auf der anderen bunte Menschenmengen am Strand auf Coney Island. Aber dann auch saftige grüne Wiesen des noch unbebauten Long Island und die wunderschöne irische See an einer unberührten und menschenleeren Küste.

Man sieht Eilis zerbrechend am Heimweh und aufblühend vor lauter Liebe und Freiheit und dann gibt es einen Grund, in die Heimat zurückzukehren. Und es passieren seltsame Dinge. Es ist gleichzeitig, als sei sie nie weg gewesen, aber doch ein Alien. Sie, mit der modischen Kleidung und den aufregenden Geschichten, die sich nicht wie ihre Schwester damit abfindet, der verwitweten Mutter Gesellschaft zu leisten, sondern in den USA einen Unternehmungsdurst entwickelt hat. Aber auch sie, mit dem Willen, anderen zu helfen und sich den Wünschen anderer hinzugeben. So entstehen bald ganz neue Pläne, als das Versprechen einzulösen, und nach einem Monat (oder so) zurück zur großen Liebe nach Brooklyn zu gehen. Plötzlich gibt es dort alles, was sie sich vor dem Verlassen gewünscht hätte: Einen Job, einen Mann. Hier wieder ein Spiegel. Eilis kommt an, und das Leben ist bereitet. Und das passt vor allem allen anderen in dieser kleinen Stadt in den Kram. Der Mutter, der besten Freundin. Eigentlich war immer alles so, wie es die anderen haben wollten. Auch der Umzug in die Ferne war die Idee der Schwester. Wenn auch natürlich eine absolut selbstlose. Und in dieser Selbstlosigkeit das Geschenk, das Eilis brauchte, um zu sich selbst zu finden. Um sich kein schlechtes Gewissen mehr machen zu lassen. Um für sich selbst zu leben. Und so scheint es nur, als sei Brooklyn eine Zwischenstation gewesen, um zurück in der Heimat ganz und heil glücklich zu werden. Und so entscheidet sich Eilis letzten Endes zwar für einen Mann, aber vor allem für sich selbst. Brooklyn ist keine Geschichte über eine Frau zwischen Männern, sondern – und das verraten nicht zuletzt die vielen Zooms in die Nahaufnahme ihres Gesichts – eine Geschichte über die Stärke einer Frau.

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