Hedi Schneider steckt fest (Hedi Schneider Is Stuck)

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Heute gab es mal wieder einen deutschen Film. Zwischen den ganzen Til Schweighöfers und sonstigen oh so frechen Komödien wird es einem ja nicht unbedingt einfach gemacht, ohne großartige Recherche auf interessantes deutsches Kino zu stoßen. Hedi Schneider steckt fest befasst sich mit Angstzuständen und Depression und damit, was das mit den Betroffenen und deren Umfeld macht. Parallelen zu Broken Circle, Take this Waltz und Blue Valentine im Umgang mit Beziehungen tun sich auf. Dabei geht der Ernst des Films so abrupt los, wie es sich bei dem Thema anbietet. Der Anfang ist ein einziger Lacher, bis einen dann die erste Panikattacke kalt erwischt und beim Betrachten der unter Sterbensangst hyperventilierenden Hauptfigur tief Luft holen lässt. Es ist allein ja schon toll, dass ein Film sich diesem Thema mal widmet und dabei auch darauf eingeht, welches Stigma psychischen Problemen in der Gesellschaft noch anhaftet. Ob es die Mutter ist, die meint, dass es nur einer kalten Dusche und von ihr gekochtem Essen bedarf, damit die Tochter sich wieder zusammen reißen kann. Oder ob es der Chef ist, der der gesamten Belegschaft von der Depression erzählt, damit diese sich entsprechend, also übertrieben und penetrant freundlich, verhalten kann.

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Als kleines Intermezzo frag ich mich gerade, an welcher Stelle die Angst im Film wohl ihren Ursprung nahm. Gibt es überhaupt einen Ursprung im Film? Liegt die Neigung viel früher und wurde nur getriggert? Der Film beginnt – passenderweise – damit, dass Hedi im Fahrstuhl stecken, dabei aber vergnügt bleibt. Am nächsten Tag nimmt sie stattdessen die stockwerkeweise hohe Außentreppe in ihr Großraumbüro und erfährt im Anschluss, dass ihr strenger Schreibtischnachbar am Abend versucht hatte, sich aus dem Bürofenster zu stürzen. Man erfährt nicht, ob eine Begebenheit davon zur Angst beigetragen hat. Man erfährt eigentlich gar keine Gründe, nur, dass Hedi im Laufe der Zeit immer mehr Angst davor hat, eine Last zu sein und alles kaputt zu machen, also dann irgendwann vor allem Angst davor hat, weiter Angst zu haben. Und diese Herangehensweise ist unheimlich viel Gold wert. Wie soll man denn auch einen Angstgrund darstellen, wenn Betroffene selbst nicht wissen, woher die Angst kommt? Wenn sie es wüssten, hätten sie wohl sehr viel weniger Angst. So jedenfalls mein Eindruck, für den natürlich genug (unbetroffenere) Menschen auf dieser Welt einen ganz anderen dagegen halten. Kontrovers begegnen auch Hedi und ihr Mann der Depression. Hedi schluckt Pillen und sagt der Ärztin gleich zu Beginn in etwa: Geben Sie mir einfach, was Sie haben. Ich schlucke alles! Ihr Mann dagegen versucht sich nach einiger Zeit eher darin, mit anderweitigen Übungen der Sache Herr zu werden, denn für ihn ist klar, dass nur Hedi selbst so heilen kann, was sich als Krankheit in ihrem Kopf entwickelt hat. Damit schneidet der Film auch die Diskussion darum an, ob psychische Krankheiten wirklich Krankheiten sind oder doch eher Verstimmungen, die wieder einrenken kann, wer nur wirklich will (oder besser noch: Trends der Wohlstandsgesellschaft). Dementsprechend auch die Frage, ob psychologische Betreuung wirklich Hilfe oder nur Geldscheffelei ist.

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Aber so ganz werde ich Hedis Mann mit den bisherigen Worten nicht gerecht. Er wird allgemein als sehr engagierter und verständnisvoller Kerl charakterisiert, der taubstumme Menschen betreut und kurz davor ist, seinen jahrelangen Traum vom Aufbau einer Schule in Gambia für eine NGO zu erfüllen. Bis dann Hedi depressiv wird und damit alles unberechenbar. Und er bleibt wirklich lange geduldig. So lange, wie es vielleicht nur menschenmöglich ist. Um einer so schwer fassbaren, heilbaren und berechenbaren Krankheit mit unendlicher Gelassenheit zu begegnen, muss man wohl übermenschlich sein. Und ja, er stellt dann dumme Dinge an und im Zuhause der Kleinfamilie (die beiden haben einen jungen Sohn) werden die Emotionen ziemlich dreckig und dann schwanken die Pole zwischen Zusammenhalt und Egoismus. Eine Waage, die schwer in einem fairen Verhältnis zu halten ist, wenn die eine Waagschale ständig und vollends berechtigt nur sagen kann: Aber ich kann ja gerade nicht anders. Und am Ende weiß man dann auch nicht, wie es jetzt weitergeht. Eigentlich geht die Geschichte erst am Ende los. Der Film bestärkt mich nur in meinem Traum davon, dass man andere Menschen irgendwann seine Gefühle mitfühlen lassen kann. Stellt euch mal vor, wie viel einfacher und friedlicher die Welt dann wäre.

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