Houston, wir haben ein Problem (Oscars 2015)

Ich nenne es mal das Frances Ha-Syndrom. Nur so kann ich mir erklären, warum mir die momentan so beliebten Filme allesamt größtenteils durchaus gefällig erscheinen mich aber trotzdem underwhelmed zurück lassen. Vielleicht sollte ich mal einen langen Blogpost darüber machen, warum Frances Ha so eine Offenbarung ist. Oder hab ich das schon?! Naja, jedenfalls hab ich nun einige der Oscar-Kandidaten im petto und bin geneigt ein Fazit zu ziehen. Nur Selma hab ich noch unbedingt nachzuholen und vielleicht auch Still Alice. American Sniper werd ich nur in Form folgender tumblr-Sammlung von Reaktionen abhandeln.

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…lovely. NOT. Aber nun zu cineastisch wichtigeren Themen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass es einiges aussagt, dass ein solcher Film um den Preis für den BESTEN FILM antritt. Und es wird noch viel mehr aussagen, ob nun er oder Selma die Trophäe mit nach Hause nimmt. Und falls doch ein anderer das Rennen machen sollte (ich hätte da ja meinen ganz eigenen Favoriten), bliebe immer noch die Frage: Wie können ein Film, der ganz offen gesagt das Abknallen böser Moslems zu verherrlichen scheint und ein Film, der in Zeiten von Ferguson an die Bürgerrechtsbewegung um Dr. Martin Luther King erinnert, auf ein und der selben Liste stehen? Oscars.

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Die meisten der Oscar-Kandidaten haben ein Sache gemeinsam: Ich finde die Filme gut, hübsch, unterhaltsam, aber nichts treffend, was einen langanhaltenden Eindruck hinterlassen könnte. Was Grand Budapest Hotel angeht ist es außerdem eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich im Kino war. Nicht mein liebster Wes Anderson, aber die gewohnt nett anzusehenden Bilder und witzigen Charaktere und eine so abgedreht wie am Ball haltende Story. Kennt man ja. Überrascht dann aber auch nur mehr oder minder.

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Auf Birdman war ich dafür seit einer gefühlten Ewigkeit gespannt. Die Vorabbilder kitzelten einige meine Neugierderezeptoren. Und was soll ich sagen…ich weiß es nicht. Hier haben wir einen wirklich schwieriges Zeitgenossen auf unserem Seziertisch. Visuell ganz großes Kino. Mal wieder ein Film, der vorgibt in einer einzigen Kamerafahrt und ohne Schnitt entstanden zu sein. Dabei fährt die Kamera aber so wild durch die Gegend, dass mir fast schwindelig wurde. Und dazu dann das Sounddesign, das größtenteils von einem Schlagzeug getragen wird, das je nach Situation mal laut und schnell oder leise und langsam operiert. Und wenn das Kameragerase, lautes Getrommel und nuschelnde Amerikaner auf einem Haufen sind, haben wir ein gutes Rezept dafür, meinen Körper in Richtung Ausklinken zu bugsieren. Bilder und Töne, die höchst kreativ und wirklich willkommen sind, mir aber nicht guttun. Und dann das Thema: Fiktion und Realität im Schauspiel. Bombe! Besonders gut zu sehen an den gegensätzlichen Charakteren von Michael Keaton und James Dean…äh…Edward Norton. Und überhaupt machen die Darsteller das ausgezeichnet. Aber im Grunde wird daraus eine selbstbemitleidende Therapiesitzung Hollywoods mit sich selbst als Therapeut und Filme in denen sich Hollywood auf eine solch jämmerliche Art selbst verhandelt waren noch nie meins. Und das obwohl ich die Entstehung und Funktionsweise des Starkultes sehr faszinierend finde. Birdman ist dieses künstlerische Genie, das in der Klassengemeinschaft mit den durchschnittlich begabten Kindern mit seiner Vorreiterrolle hadert und schließlich an seinen eigenen Ansprüchen zu Grunde geht. Oder wie Birdman sagen würde: Guäääääh! Oh, und das Ende. Über das Ende würde ich gerne mit euch diskutieren, falls ihr den Film gesehen habt. Let me know.

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Whiplash. Ging sehr lange vollkommen an mir vorbei, bis auf einmal tumblr voll davon war. Und ich mag ja Musikerfilme, also: Guckigucki. Und alle sind so hingerissen von der Intensität und haben Angst vor J.K. Simmons (der gerade dafür Preise einsammelt wie andere vom Himmel fliegende Geldscheine) und klingen fast so, als hätten sie den spannendsten Krimi aller Zeiten gesehen. Und ich so: Joar. Das Lied das die da spielen ist schön. Die Schauspieler sind durchaus gut. Aber das ist im Grunde auch nur eine Geschichte über einen Schüler und seinen fiesen Lehrer. Und es passiert fast nichts. Nicht schlecht. Aber auch nicht ..hehe… oscarverdächtig. Whiplash ist der verletzte Qauterback der im Filmclub der Capesight High den Sportfilm über einen tragisch verletzten Quaterback dreht und damit Dawsons Traum von einer Regiekarriere zu torpedieren droht. Aber Schlagzeuge sind dufte.

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Wild ist nicht Into the Wild für Frauen – so viel sei schonmal gesagt – und auch nicht als bester Film nominiert. Wild hat viele kleine Schwächen eines Hollywoodfilms: Käse. Man kann alles schaffen, wenn man es nur will- Attitüde. Käse. Vom Vorzeigemädchen tragisch in den Drogensumpf rutschen und sich wieder zur richtigen Frau hochkämpfen-Gedöns. Käse. Ist das Leben nicht lebenswert? Käse. Nach einer wahren Begebenheit. Käse. Aber wisst ihr was? Ich fand den trotzdem schön! Obwohl Reese Witherspoon nur in 75 Prozent des Films ihr schauspielerisches Können zum Vorschein bringt. Und obwohl sie mir auch nur fast wieder sympathisch geworden ist. Für jeden käsigen Moment gibt es einen witzigen und gewitzten. Für jede doofe Ministoryline die man hätte weg lassen können gibt es treffende Momente, schöne Bilder und gute Musik. Aber vor allem schöne Zitate, die – nachdem man sie von ihrem Käsegetriefe befreit hat – bleiben und Lust machen, auch einfach mal alles wegzulaufen und den Kopf frei zu kämpfen. Wild ist der Pastor, der zum 100. Mal die selbe Predigt hält und einen dann mit einem charmanten Witz doch wieder auf seine Seite holt.

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Die Entdeckung der Unendlichkeit. Oder: Der Film, dessen Titel ich mir nie merken kann. Hier hätten wir meinen Kandidaten für die Darstelleroscars. Durch den Film hindurch dachte ich oft: Och näääh, du alte Schmonzette. Geh weg, ich will Physik sehen! Und irgendwann wird einem klar: Hier gehts nicht um Physik (natürlich nicht), hier gehts auch nicht mal um Stephen Hawking. Hier gehts um seine Frau! Und dann denkt man: WHAT?! Und die Fake-Homemovie-Super-8-Szenen machen das nicht besser. Aber dann geht der Film zu Ende und dann sitzt man da mit Tränen in den Augen, weil man merkt wie stark Menschen sein können und wie kacke das Leben sein kann. Und das nicht auf eine bemitleidende Weise, die einen dazu bringt Fotos kranker Kinder im Großformat unter die Nase des erstbesten Westeuropäers zu halten. In der Weise, die einen darüber nachdenken lässt, wie stark man denn wohl selbst wäre. Und. die. Schauspieler. sind. göttlich! Die Entdeckung der Unendlichkeit ist Mark Darcys Rentierpullover.

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Die Erinnerung an The Imitation Game ist am frischesten. Und ich verhandle noch mit mir selbst. Ich habe schon während des Films mit mir verhandelt. Grundsätzlich: Ein filmisches Denkmal für Alan Turing? Überfällig! Ansonsten würde ich das hier gerade nicht so tippen wie ich es tue und ihr würdet das hier nicht so lesen wie ihr es tut. Filme über das Knacken von Enigma? Immer gerne! Und obwohl ich ja längst weiß wie das ausgeht, fand ich das Zugucken trotzdem spannend. Anders als der Kritiker meiner Arbeitgeberchens fand ich auch die Beziehung zwischen Benedict Cumberbatch und Keira Knightley nicht fehlgeschlagen und unglaubwürdig. Hey, die waren mir sogar sympathisch. Und Cumberbatch kriegt es hin, dass das Publikum sich in einen sozialpsychotischen vermeintlichen Kaltherzigen verliebt. Dass mir das sowieso nicht schwerfällt dürfte vielen klar sein. Aber nun zu meinen Bedenken. Gedankengang eins: Das ist ein Film über Alan Turings Werk und Vermächtnis, ein Vermächtnis, das Jahrzehntelang ein Staatsgeheimnis war und dementsprechend nicht in den Bereichen hundertprozentig überliefert ist, die die Gefühlsebene des Filmes bilden. Wie also damit umgehen, dass Dinge die Handlung vorantreiben, die dazugedacht sind. Da ist der Film eher wie die Bibel. Nur dass hier Leute, die das ganze wortwörtlich auslegen hoffentlich keine Kriege anzetteln werden. Anschließender Gedankengang: Ist ja nicht so wichtig, es geht ja darum, den Menschen Alan Turing vorzustellen und wer weiß schon, was in seinem Gehirn vor sich ging. Also findet man Begebenheiten und Bilder, die das Ganze irgendwie transportabel machen. Ein weiterer Gedankengang: Der Film ist eine halbe Stunde zu lang, man hätte nach dem Knacken von Enigma aufhören sollen (die Szene dazu wirkt auch wie ein Filmende). Anschließender Gedankengang: Aber das darauf Folgende charakterisiert Turing ebenso und gehört ebenso zu seinem Wirken. Weiterer Gedankengang: Zum Ende hin wird das Darstellen der letzten Lebensphase etwas….abgedreht. Anschließender Gedankengang: Wobei, ich  hab Leute schon so erlebt. Was bleibt: Das Fahrt aufnehmende Gefühl, dass Benedict Cumberbatch der neue Johnny Depp wird, der irgendwie in jeder Rolle die selbe Person mit anderem Namen spielt. Alan Turing hätte in gewisser Weise auch Sherlock sein können. Oder Smaug. Oder Khan. Ich kann ja verstehen, dass Cumberbatch seinen Hype so gut nutzen will wie möglich. Und er bleibt ja auch gut in dem was er tut. Aber es hilft nicht gerade dabei zu verhindern, dass man ihm beim Schauspielen zuguckt. Und nicht Alan Turing beim bauen seiner Maschine. The Imitation Game ist die Petition, bei der man auf gefällt-mir klickt, weil man ja so engagiert in sozialen Belangen ist.

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Nun zu meinem Favorit: Boyhood. Es ist auch hier eine Weile her, dass ich ihn gesehen habe. Seit der Berlinale fast ein Jahr und dann kurz darauf zum Kinostart. Und ich weiß nicht was es ist, aber Richard Linklater kriegt mich immer. Ich bin ein großer Fan der Before-Reihe und das hier ist nun einfach die Kür nach dieser Pflicht. Und es ist egal, dass ich kein kleiner Junge war. Ich bin beim Aufwachsen trotzdem ganz vorne mit dabei. In der Before-Reihe bin ich interessanterweise auch ganz nah an Jesse und übrigens hat dort Julie Delpy die Texte für Ethan Hawke verfasst und anders herum. Und Ethan Hawke ist göttlich. Sollte spätestens seit Boyhood klar sein. Wie um alles in der Welt kriegt Richard Linklater Leben und Authentizität auf Zelluloid? Klar, zwölf Jahre mit den selben Menschen zu drehen sollte helfen. Aber es muss irgendwie damit zu tun haben, wie er mit Zeit umgeht. Und dass er keine Angst vor zerredeten Filmen hat. Dass er Worten ihren Raum lässt. Vielleicht sollte ich hierüber meine Masterarbeit schreiben. Und nicht, dass Authentizität  das einzig wahre im Film ist, aber ich steh drauf. Für Richard Linklaters Filme muss Godard damals gesagt haben: „The cinema is truth twenty-four frames a sencond.“ Boyhood ist das Fotoalbum mit Bildern der Vorfahren, die man nie kannte, über die man nichts weiß, aber zu denen man sich trotzdem verbunden fühlt. Alle Preise für Boyhood!

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