Honig im Kopf

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Brave Töchter gehen mit ihrer Mutter am letzten Weihnachtstag ins Kino, weil diese gerne den neuen Til Schweiger Film sehen möchte. In diesem Fall hat sich die brave Tochter an dem Wissen festgekrallt, dass der Film zumindest für die Umsetzung der Thematik Alzheimer eimerweise Lorbeeren im Voraus erntete. Wenn das mit solchem Geschick gehandelt wurde, kann der Rest doch nicht so unerträglich sein, oder? Oder?!

Meine Mutter war beeindruckt vom Film und hat sich wie es scheint von nichts aus der Betroffenheitsspur Alzheimer schubsen lassen. Und der Umgang damit war wirklich nichts, an dem man meckern muss. Meine Mutter sieht aber auch nicht, dass da ein von Warner (und natürlich auch barefoot) produzierter, von Mercedes und Apple gesponserter, mit Gastautritten aller Rang und Namen bespikter Film wie immer trotzdem Filmförderung aller Orten in den Hintern gepustet bekommen hat, die jetzt allen nicht-Til Schweighöfers für neue Ideen fehlt. Meine Mutter sieht auch nicht, dass wieder die Gussform mit Instagramfilter und Indiefolkpopsoundtrack dafür einge..äh…entstaubt wurde. Wobei der Soundtrack natürlich exquisit war.  Muss man dem Schweiger lassen. Weiß man jetzt schon, was die nächsten sechs Monate im Radio und öffentlich rechtlichen TV läuft. Und. alles. ist. vintage. Alles. Ich glaube bis auf den von Mercedes gesponserten Fuhrpark und die von Apple bereitgestellten Kommunikationsgerätschaften war das modernste eine elektrische Zahnbürste. In Til Schweigers Filmwelt sind alle Südtiroler Bauern in Hosen der Jahrhundertwende, gestreiften Hemden, Cordwesten, Hosenträgern und Schiebermützen. In Til Schweigers Filmwelt sind Wohnungen prachtvolle Villen mitten im Wald neben einem See, die mit Antiquitäten ausgestattet sind und aussehen, als würden in ihnen wahlweise Essig und Öl oder Weine verkauft. In Til Schweigers Filmwelt regiert heimlich Kaiser Wilhelm der fünfunddreißigste und wenn Familien zu zerbrechen drohen, liegt das an den kaltherzigen Frauen, die zu viel arbeiten. Til Schweigers Filme gehen auf die Straße, weil früher alles besser war und überhaupt….wird man doch wohl noch sagen dürfen als besorgter Bürger, nicht wahr?

Standfoto "Honig im Kopf"

Und nun zu dem, was den Kinobesuch weiterhin so genussvoll machte. Die  Vechtaer Kino„Kultur“. So viel sei gesagt: Mein Cousin geht nicht mehr in das Vechtaer Kino, weil sie die falsche Getränkemarke haben und nicht am Platz bedienen. Kinos in Vechta haben doppelt so viel Beinfreiheit wie anderswo und kleine Tischchen am Rücken der Vordersitze montiert. In  Vechtaer Kinos sind alle Kinosäle auf einer Ebene. In Vechtaer Kinosälen geht zum Start des Abspanns das volle Licht an. In Kinos in Vechta stehen auf den kleinen Tischchen vor jeder Person Cola, Nachos, Bier und Chips, bei denen ich mich frage: Wie kriegen die die aufgegessen und ausgetrunken, während sie sich permanent in Zimmerlautstärke unterhalten? In Vechtaer Kinos läuft Lokalwerbung für eine Versicherung, in der eine weibliche Stimme aus dem Off einem Spieler der hiesigen Basketballmannschaft anzügliche Wortspiele zuraunt. Und am traurigsten: Bis auf die spezielle lokale Verwöhnheit der katholischen CDU-Vollbeschäftigungsbrut mit drei Autos auf dem Hof ist das wohl ein bundesweites Abbild. Mein Kino wird ein Arthousekino.

Und weil dieses Kritikrodeo so einfach wie traurigaberwahr war, verliere ich jetzt keine Worte zum Schauspiel von Schweigers Tochter. Oder dazu, dass Didi Hallervorden nun wohl seinen Charaktertypus fürs Alter gefunden hat (Der so gar nicht zu seinen Wahlwerbeauftritten für die FDP in Polittainment Talkshows passen will…oder gerade doch?). Ich weise nur noch darauf hin, dass Schweiger am Ende des Films bildtechnisch an den Anfang von Richard Linklaters Boyhood anknüpft. Nett.

boyhood_still

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