Respire (Breathe) – International Oldenburg Film Festival – Part 6

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Breathe lautet der internationale Titel von Mélanie Laurents zweitem Film. Dabei raubt er einem eher den Atem. Nicht nur wegen der schauspielerischen Leistung. Oder der intensiven und dichten Handlung. Oder der hübschen Cinematografie. Und auch nicht nur, weil ihn die schönste Frau der Welt gemacht hat, die leider – wie auffällig viele – den Besuch des Festivals abgesagt hat. Dabei hätte sie sogar bei mir schlafen dürfen *hust*.

Aber machen wir erstmal anders weiter. Folgendes war der Ankündigungstext des Festivals:

„Die 17-jährige Charlie ist in ihrem letzten Schuljahr. Geplagt von Zweifeln, desillusioniert und erdrückt vor Einsamkeit, bis ein neues Mädchen in die Klasse kommt. Sarah ist schön und emanzipiert. Charlie ist ganz aufgeregt, als Sarah beschließt ihre Freundin zu werden. Ihre einsame Welt ist durch ihre intensive freundschaftliche Bande plötzlich aufregend geworden. Während jedoch bei Charlie die Gefühle immer stärker werden, flauen sie bei Sarah bald wieder ab und so plötzlich sie in ihr Leben trat, so schnell ist sie auch wieder weg, auf der Suche nach einer neuen Freundin. So mit ihren Gefühlen alleine gelassen ist Charlie am Boden zerstört. In der jugendlichen Welt überschwänglicher Emotionen können jedoch Geheimnisse tödlich sein – und sie kennt Sarahs Geheimnis. Diese wunderbare Schilderung von der zerstörerischen Kraft jugendlicher Leidenschaften war ein Liebling der Kritiker in Cannes.“

Nunja, vielleicht kein Wunder, dass man aller Ortens die Worte „das neue Blau ist eine warme Farbe“ hört. Stimmt aber nicht. Irgendwo tief drinnen spielen vielleicht mehr als nur platonische Gefühle eine Rolle. Aber dann auf eine solche Art und Weise, bei der es in Wahrheit mehr darum geht, wie die angehimmelte Person zu sein und weniger mit der angehimmelten Person zu sein. Wobei der Anfang des Films mich stilistisch – und wenn ich mich recht erinnere auch musikalisch; Stichwort: Hang – tatsächlich sehr an Blau ist eine warme Farbe erinnert hat. Jedenfalls bin ich vor allem in den Film gegangen, weil Mélanie Laurent Regie führte. Der Beschreibung nach hätte ich ihn nicht ausgeschlossen, aber eventuell einen anderen Film vorgezogen. Soziale Reibereien und Einsamkeit im Schulalltag sind Themen, denen ich aus Selbstschutz medieninhaltlich eher aus dem Weg gehe. In diesem Fall war es aber genau das, was diesen Film so nachhaltig beeindruckend macht. Wer von euch The Broken Circle gesehen hat, weiß vielleicht was ich meine, wenn ich sage: Dieser Film packt einen und zwingt einen dazu, jegliche Emotionen der Protagonistin mitzufühlen, ohne Chance auf ein Entrinnen, bis zum bitteren Ende. Es ist ein emotional anstrengender Film. Quasi Lucy in deprimierend?! Wenn Lucy das Hoch der manischen Depression ist, ist Breathe das Tief.

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Diesen völlig unangebrachten Reim missachtend: In Breathe geht es um manipulative Beziehungen und wie es dazu kommt, dass der schwächeren Seite der Absprung aus diesen nur so schwierig gelingen mag. Und diese Beziehungen werden in ihren Facetten auf den unterschiedlichsten Ebenen dargestellt. Das meine ich mit der inhaltlichen Tiefe. Das, und die Tatsache, dass sich die Präsentation des Ganzen erschreckend realistisch anfühlt. Man ist froh, nicht mehr im Schulalter zu sein, in dem man irgendwie einer bestimmten, festen Personengruppe schlechter entgehen kann, weil man Tag für Tag mir ihr verbringt. In dem man irgendwie persönlich noch so wenig gefestigt ist, dass man bei mangelnder Anerkennung sehr viel schneller den Fehler bei sich selbst sucht. Selbst die beliebtesten Schüler dürften bei diesem Film das Mobbing so intensiv spüren wie ein störendes Haar im Mund. Wie das Jucken am ganzen Körper, wenn zuvor jemand von Flöhen gesprochen hat. Und selbst wenn man aufatmet, weil man die Schule ja schon längst hinter sich hat. Und wenn man aufatmet, weil man Teeniestreitereien nicht bei Facebook ausfechten musste und weil Gerüchte ohne Smartphones und Internet 24/7 nicht so einfach und nachhaltig zerstörerisch verbreitet wurden. Und weil man hoffentlich das Glück einer behüteten Kindheit hatte. Dann wären da immer noch solche Beziehungen unter Erwachsenen. Unter Menschen, die eigentlich gefestigt sein und einem zu dieser Kindheit verhelfen sollten.

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Irgendwie garantiert einem das Erwachsensein so etwas aber nicht. Gefühle scheinen in Breathe unausweichlich, unentrinnbar. Überall Abhängigkeiten, Manipulation, alles ziemlich frustrierend und verzweifelnd und fast schon kapitulierend. Und es macht einen wütend. Und dann das Ende. Sprachlosigkeit im Publikum. Meiner Erinnerung nach sind kaum Leute zum Start des Abspanns plaudernd aus dem Saal gegangen. Das letzte Mal war ich so starr und still, als Michael in LOST Ana Lucia und Libby … argh, nein, Spoileralert (10 Jahre nach Start der Serie, so brav bin ich). Nach dieser Vorstellung gab es dann noch Bag Boy, Lover Boy und trotzdem lag ich wegen Breathe wach. Ich habe allen ernstes darüber nach gedacht, was denn nun aus den Figuren wird. Völlig vergessend, dass es nur ein Film war. Ich möchte nun gerne die Romanvorlage lesen, auch wenn die Mädchen darin 13 und nicht 17 sind. Aber was so einen Film hergibt, muss ein gutes Buch sein. Eine atemberaubende Deckung von Realität und Fiktion. Herzzerreißend. HerzRAUSreißend.

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